Mein Einstieg in den Radsport
1989, im zarten Alter von 20 Jahren, habe ich mein erstes richtiges Rennrad gekauft. Damals wurde ich durch die aufkommende Sportart Triathlon inspiriert, welche über den großen Teich geschwappt ist. Das heißt nicht, dass ich bis dahin unsportlich war, aber neben Schulsport, örtlichem Fußballverein und dem Bundesgrenzschutzjahr, habe ich mich als Teenager eher dem Feiern gewidmet: Alles hat seine Zeit!
Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie ich mit meinem ersten Auto, einem /8er Mercedes, das gebrauchte Rad in Kitzingen abgeholt habe. Stahlrahmen, Shimano 600, Schlauchreifen und unglaubliche 10 kg leicht. 600 Mark waren für mich als Schüler richtig viel Geld, so dass alleine durch diese Investition die Motivation zum Fahren gekommen ist.
Von richtigem Radtraining keine Ahnung, versuchte ich anfangs immer möglichst schnell zu fahren. Wenn 30 km/h auf dem Tacho standen, war ich zufrieden. Das führte automatisch dazu, dass ich mich eher Richtung Main, als in den hügeligen Steigerwald bewegte. Längeren Wochenendausfahrten von 3 und 4 Stunden folgten richtige Fressgelage, welche zum guten Gefühl über die erbrachte Leistung, zusätzlich befriedigten.

Durch den nahe gelegenen Radsportverein, der TG Velosport Kitzingen, habe ich meine ersten gemeinsamen Ausfahren in der Gruppe absolviert. Bald erkannte ich, dass wenn mehrere Radfahrer gleichzeitig unterwegs sind, dies zu Ausscheidungsrennen führen kann bzw. eigentlich führen muss: Männer unter sich! Da ich ein gewisses Talent hatte und zusätzlich ehrgeizig war, dauerte es nicht lange, bis nicht ich abgehängt wurde, sondern die Anderen abhängen konnte: Der Spaß hat sich eingestellt!

Aus meinem ursprünglichen Vorhaben Triathlon zu betreiben ist allerdings nichts geworden. Während ich, vor allem im Winter, regelmäßig und gerne gelaufen bin, habe ich das Schwimmen nicht konsequent verfolgt. Sporadisch ein paar Bahnen im Freibad zu drehen reichen nicht aus, einen Pokal zu gewinnen. Da ich aber mit meinen Leistungssteigerungen – vor allem im Radsport – zufrieden war, sah ich keinen Handlungsbedarf: Die Entscheidung für den Radsport war getroffen.


Das Schnuppern der Wettkampfluft
Um auch im Winter radspezifisch beweglich zu sein, habe ich mir trotz anfänglicher Skepsis, ein MTB zugelegt. Bald stellte ich fest, dass sich dieser Fortbewegungstyp geradezu anbietet, da mit dem Steigerwald und Schwanberg ein schönes und abwechslungsreiches Revier direkt hinter meiner Haustüre beginnt. Obwohl bei schlechtem Wetter regelmäßig Schlammschlachten auf der Tagesordnung standen, hat mir das abwechslungsreiche und teils technisch anspruchsvolle MTB-Fahren, schnell Spaß bereitet.
Durch meine Kumpels Matze und Kurt bin ich zum MTB-Rennsport gekommen. In der fränkischen Gegend wurden bereits damals interessante Rennen veranstaltet, so dass sich der logistische Aufwand in Grenzen hielt. Mit dem Einstieg in den Rennsport wurde die Trainingssteuerung professioneller: Der erste Pulsmesser wurde angeschafft und Training nach Standardplänen durchgeführt. Die Erfolge blieben nicht lange aus, wobei ich vor allem in den Jahren 1994 und 1995 zahlreiche Topplatzierungen auf dem MTB einstreichen konnte. Bei meinem damaligen Radsportverein, der RSG Würzburg wurde ich in den Jahren 1995 und 1998 Vereinsmeister.

Durch die damals stark zunehmende Professionalität im MTB-Rennsport musste der Zeit- und Kostenaufwand entsprechend gesteigert werden, um am Ball bleiben zu können. Neben Ausgaben für Leistungsdiagnostik und individuellen Trainingsplänen war auf den selektiven Rennstrecken ein Materialbruch nicht unüblich. Da ich als Student nur über begrenzte Mittel verfügt hatte, beschloss ich mich wieder vermehrt auf das Rennrad zu konzentrieren.


Der Ernst des Lebens
Leider war die schöne Studentenzeit in Würzburg viel zu schnell vorbei und das Arbeitsleben hat mich seit 01.01.1997 in Beschlag genommen. Gelandet bin ich in der näheren Umgebung als Projektleiter eines Automobilzulieferers. Dieser Fulltimejob verlangt jeden Tag aufs Neue vollen Einsatz und besitzt als Brötchengeber erste Priorität. Damit muss die Trainingsplanung öfters flexibel gestaltet werden – teils müssen angesetzte Einheiten ausfallen.

Vor dem Eintritt in das Berufsleben habe ich eine längere Radtour durchgeführt, so wie ich diese (ähnlich) bereits vor Studienbeginn absolviert habe: Auf eigene Faust, von meinem Heimatort Wiesenbronn nach Irland und eine Inselumrundung entsprachen rund 4.000 km in 3 Wochen. Ich hatte große Freude daran viele neue Leute kennen zu lernen und die schöne irischen Landschaft zu genießen: Natur und Bewegung im Einklang – Seelenzufriedenheit. Ich war mir zu diesem Zeitpunkt sicher, dass ich dem herrlichen Irland einen weiteren Besuch abstatten werde.


Erste Schritte im UltraRadsport
Den Einstieg habe ich 1999 über meinen Freund Dieter Göpfert gefunden, der damals erstmalig das Race Across Germany (RAG) veranstaltet hat. Nonstop von Flensburg nach Garmisch-Patenkirchen: 1.100 km! Dieses Rennen war genau das Richtige wonach ich gesucht hatte: Erstens raus aus dem Trott und etwas ganz anderes unternehmen. Zweitens der Reiz des Unbekannten und für des für kaum durchführbar gehalten Projekts.
Bis zu diesem Tag im Juni 99 betrug meine längste Raddistanz 240 km und ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, was es bedeuten würde, über 1.000 km am Stück zu radeln. Besonderen Respekt hatte ich davor nonstop – d.h. mit 2 Nächten Schlafentzug – zu fahren. Nach großen Strapazen konnten wir alle 6 Pioniere diese Fahrt erfolgreich beenden. Zwar hat uns während dieser Fahrt alles wehgetan, aber das Glücksgefühl nach Erreichung des Ziels hat alles wettgemacht. Wir haben uns wie die Helden gefühlt und dachten, dass wir im Langdistanz-Bereich in neue Ebenen vorgestoßen sind – zumindest auf deutscher Ebene.

Bereits während dieser ersten Ultradistanz konnte ich feststellen, dass sich Schmerzen, trotz anhaltender Belastung, wieder auflösen können. Offensichtlich besitzt der Mensch eine Steuerzentrale, die auch beeinflusst werden kann. Die Frage ist, wie man dies lenken bzw. auch nutzen kann.

Im Jahr 2000 startete das RAG als das sog. „Millennium-Race“.  Dann waren es bereits 12 Teilnehmer, die wieder im geschlossenen Fahrerfeld, Deutschland durchquerten. Aufgrund der Kenntnis und Erfahrungen aus dem Vorjahr war die Mühsal schon nicht mehr ganz so groß. Optimierungen bei Material und Sitzposition haben bereits für eine angenehmere Zielerreichung gesorgt.

2000 habe ich auch mein erstes 24-Stunden-Rennen – im schweizerischen Schötz – absolviert. Damals wurde mir erst richtig bewusst wo der Hammer hängt und welches Leistungsniveau auf der Langdistanz tatsächlich existiert. Nach fast 24 Stunden Dauerregen und 840 km bin ich, völlig erschöpft, auf Platz 4 ins Ziel gekommen.

Von 2001 bis Mitte 2002 bin ich beruflich in das englische Birmingham gewechselt. Die schlechten Straßenverhältnisse und das typisch britische Wetter waren gute Lehrmeister. Zwar habe ich das Regenwetter nie genossen, aber man kann sich dran gewöhnen bzw. die Abneigung verlieren: Es macht keinen Sinn sich über Dinge zu ärgern, die man nicht ändern kann!

Mein Projekt für 2001 war das Race Across the Alps (RATA) mit 11 Alpenpässe (13.600 Höhenmeter) auf 540 km. Obwohl die Vorbereitungsbedingungen in England alles andere als optimal waren, ist nicht die fehlende Kraftausdauer für meinen Einbruch verantwortlich gewesen. Aufgrund von Atemwegs- und Magenprobleme hat mein Inneres rebelliert. Erst nach langer Pause und Überzeugungsarbeit meiner Crew konnte ich das Ziel als 20ter erreichen.

Insgesamt hat sich bei allen Rennen über die Ultradistanz mein Magen als leistungslimitierender Faktor bemerkbar gemacht. Wenn man aufgrund von Übersäuerung und Übelkeit keine Nahrung mehr aufnehmen kann, ist ein Leistungseinbruch vorprogrammiert. Damals hatte ich meine persönlichen körperlichen Grenze erkannt und akzeptiert: Ich würde wohl niemals Strecken jenseits der 1.000-km-Schallmauer bewältigen können…


Unterbrechung nach folgenschwerem Unfall und Hausbau
Am 01.06.2002 hatte ich einen schweren Fahrradunfall, dessen Folgen leider nie zu 100% verheilt sind. Durch einen Frontalzusammenstoß mit einem Auto habe ich mir u.a. das hintere Kreuzband gerissen, was bisher sieben Operationen am linken Knie zur Folge hatte. Nach dem extremen Eingriff der Umstellungsosteotomie ist mir der Unterschenkel durchgebrochen und der für 2002 geplante Angriff auf den 24-Stunden-Weltrekord rückte in weite Ferne. Nach unzähligen Physiotherapiemaßnahmen ist mir zwar eine gewisse muskuläre Dysbalance geblieben, aber als „Flachlandradfahrer“ erfahre ich kaum noch Einschränkungen. Leider musste ich jedoch fortan, aufgrund von Abnutzungen des Gelenkknorpels, auf die mir liebgewonnenen Laufeinheiten verzichten.

In den Jahren 2003 bis 2004 war ich mit dem (für Deutsche üblichen) Hausbau beschäftigt und das Radfahren beschränkte sich irgendwann nur noch wochenends auf die Befriedigung des schlechten Gewissens. Grund dafür war, dass ich an einen unprofessionellen Bauträger geraten bin, mit dem ich vor Gericht landete. Zwar hat es mir Spaß gemacht selbst Hand anzulegen und ein sichtbares Werk am Ende des Tages vor Augen zu haben, aber es hat auch sehr viel Energie gekostet. So war es nur eine Frage der Zeit, bis sich zunehmender Berufsstress und die Machtlosigkeit gegenüber dem Bauträger auch gesundheitlich bemerkbar gemacht haben: Damals war ich vom Burnout nicht weit entfernt. Die zusätzlichen dauerhaften muskulären Verkrampfungen haben meine Lebensqualität stark eingeschränkt. Es hat lange Zeit gedauert, bis ich mich aus eigener Kraft selbst fangen und den Spaß am Leben und Radfahren wieder finden konnte.
Einige meiner Erkenntnisse aus dieser Zeit: Stress ist ein individuelles Konstrukt und schlussendlich selbstgemacht. / Es kann viel Geduld erfordern, um das ständig drehende Gedankenkarussell zu beeinflussen. / Routinen helfen dabei Krisen zu überwinden. / Zunächst ist man nur für sich selbst und das eigene Leben verantwortlich.


Rückkehr zur Langstrecke
Motiviert durch das Ziel der 1.200 km langen Paris-Brest-Paris Teilnahme, habe ich Anfang 2007 den Wiedereinstig in den Ultraradsport gefunden. Die dazu erforderlichen Qualifikationsfahrten über 200, 300, 400 und 600 km, welche im Fachjargon der Tourenfahrer (sog. Randonneure) Brevets genannt werden, habe ich in Osterdorf absolviert. Obwohl diese Brevets ausdrücklich keine Rennen sind, musste ich gleich bei meinem ersten 200er feststellen, dass sich der typische Renncharakter einstellt, sobald mehrere Männer auf Rädern unterwegs sind.
Da ich während dieser Qualifikation teilweise größere Probleme hatte überhaupt den Windschatten (der Spitzengruppe) zu halten, habe ich meine eigenen Erwartungen für Paris-Brest-Paris niedrig angesetzt. Trotzdem konnte ich als zweitbester Deutscher (Gesamtplatz 37) in einer Zeit von 52:05 Stunden überglücklich das Ziel erreichen. Dieser persönliche Erfolg hat mich sehr motiviert und auch gezeigt, dass die Langdistanz die absolut richtige Sportart für mich ist!
Die Brevetserie in Osterdorf ist mir mittlerweile mit der veranstalteten Familie Weinmann ans Herz gewachsen und ich versuche jedes Jahr so viele Brevets wie möglich zu absolvieren. Ganz nebenbei sind die längeren Strecken ein ideales Training, welche auch für eigene Tests von Rennvorbereitung und Ernährung geeignet sind.

 

Ende 2007 habe ich mich dazu entschlossen, parallel zu meinem Beruf, nochmals die Schulbank zu drücken. Das Studium zum Master of Business Administration (MBA) sollte endlich wieder einmal die grauen Zellen fordern, welche im täglichen Berufsleben wenig gebraucht werden. Eine Herausforderung, die sehr anstrengend war – aber neues Wissen und Erfahrungen haben den Einsatz aufgewogen. Trotz dieser Zusatzbelastung konnte ich das Fahrradtraining (in gewissen Grenzen) aufrechterhalten und an einigen Ultrarennen – mit Topplatzierungen – teilnehmen: 2007: 24-Stunden-Rennen in Kelheim, 2008: 24-Stunden-Rennen am Nürburgring und 2009: Radmarathon Schweiz. Besonders mein Abschneiden in der Schweiz, welches als Europameisterschaft im Ultracycling ausgetragen wurde, hat mich motiviert. Der 3. Platz hat mir gezeigt, dass ich auch auf europäischer Ebene ein Wörtchen mitreden kann und insgesamt auf dem richtigen Weg bin.


Expertenjahre im Ultraradsport
Nach der erfolgreichen Beendigung meines berufsbegleitenden MBA-Studiums, bin ich 2010 trainings- und wettkampfseitig durchgestartet. Zahlreichen Teilnahmen bei Ultrarennen folgten zahlreiche Topplatzierungen. Der Durchbruch ist am Ende der Saison über meine beiden Siege bei den 24 Stunden am Nürburgring und dem Race Around Ireland gekommen. Erfolg motiviert und Motivation führt zum Erfolg. So konnte ich auch in den Jahren 2011 und 2012 mindestens einmal einen Sieg bei einem erstklassigen Ultrarennen einstreichen. Auch wenn nicht immer alles nach Plan gelaufen ist, konnte ich mich in den Jahren 2010 bis 2012 als erfolgreichsten deutschen UltraRadsportler positionieren. Plan für 2013 ist dort anzuknüpfen.
Klar ist, dass diese Erfolge kein Zufallsprodukt sind: Meine jährliche Trainingsleistung beträgt rund 30.000 km. Hinzu kommt regelmäßiges Krafttraining, welches nicht nur in den Wintermonaten auf dem Plan steht. Aufgrund dieser Zeitintensität hat der Radsport, neben dem täglichen Brötchenverdienen, (derzeit) Priorität in meinem Leben eingenommen. Viel Raum für weitere Hobbies gibt es nicht und ohne die Unterstützung meiner Partnerin wäre dieser Lebenswandel nicht möglich.

Im Laufe der Jahre musste ich feststellen, dass es das eine Ernährungskonzept, die eine Ergonomie  oder die zuverlässig richtige Trainingssteuerung nicht gibt. Die Anforderungen durch diese Sportart sind so individuell wie die Personen, die diesen Sport betreiben. Ich habe erkannt, dass die eigenen Erfahrungen zum wichtigsten Erfolgsfaktor werden können. Dies hat bei mir u.a. dazu geführt, dass ich meinen persönlichen Komfort über eine Modifikation von Sättel und Schuheinlagen selbst realisiere.

 

Die Grenzen ausloten und verschieben
Bei meinem Einstieg in den Ultraradsport hatte ich eine Distanz um die 1.000 km als eigene Grenze akzeptiert. Mittlerweile habe ich vor dieser Streckenlänge den Respekt verloren und traue mir zu diese 1.000 km fast aus dem Stegreif zu meistern. Ich habe erkannt, dass die Grenzen mit eigener Willenskraft und mentaler Stärke verschoben werden können. Zwar ist es oft unbequem, aber das eigene Potenzial kann erst herausgefunden werden, wenn man an die individuellen Grenzen geht.
Wie bei allen Bemühungen im Leben ist es wichtig, dass man sich auf die eigenen Stärken konzentriert. Zwar wurde ich von Geburt an nicht mit einer herausragenden maximalen Sauerstoffaufnahmekapazität gesegnet, aber mein Fleiß, Ehrgeiz und Wille haben mich nach vorne gebracht. Diese Attribute, gepaart mit der großen Leidenschaft für den UltraRadsport, sind offensichtlich dazu im Stande Großes zu erreichen.

Mein großes Ziel ist die Teilnahme am Race Across America (RAAM) – die ultimative Herausforderung für jeden Langstreckenradfahrer. Durch den damit verbundenen hohen logistischen Aufwand existiert allerdings eine hohe finanzielle Zugangsbarriere, die ich mit eigenen Mitteln nicht mehr meistern kann. So wird die Realisierung dieses Lebens-Projektes (voraussichtlich) von Sponsoren abhängig.